Helsinki

31.7. 1.8. 2023

Vor der Anreise mit dem schweren, unhandlichen Radkarton hatte ich ordentlich Bammel. Es ist immer wieder eine Herausforderung, das verpackte Rad in den Zug, das Flugzeug oder in den Bus zu bekommen. Aber letztlich hat alles geklappt- ich bin pünktlich, aber müde kurz vor Mitternacht im Hotel angekommen. Es gab nur eine Schrecksekunde, als ich feststellte, dass ich alle Kreditkarten zuhause vergessen hatte- im Kopierer. Die Kopie hatte ich zwar dabei, aber vor allem die russische Kreditkarte brauche ich als Plastikkarte.Inzwischen hat Brigitte die Karten per DHL Express weggeschickt. Wenn alles klappt, werden sie morgen oder spätestens übermorgen da sein. So werde ich einen Tag länger in Helsinki bleiben müssen.

Ich habe inzwischen das Rad wieder zusammengebaut und auch zwischen den stündlichen, ergiebigen Regenfällen eine kleine Tour durch Helsinki gemacht und dabei festgestellt, dass es überall schöne Radwege gibt. Nur die Ortsnamen sind ein bisschen gewöhnungsbedürftig.

Radwege in alle Richtungen..

2.8. Warten, warten. Nicht auf gutes Wetter. Das wäre zwar auch nicht schlecht. Die letzten zwei Tage habe ich keine Sonne gesehen. Aber viel ungeduldiger warte ich auf die Kreditkarten, die per DHL Express kommen sollen. Zweimal gingen sie schon wieder zurück. Beim ersten Mal waren sie nicht gesperrt, beim zweiten Mal schon. Ich weiß den Grund noch nicht. Jetzt muss ich mir überlegen, eventuell anders in Russland an Geld zu kommen. Es gibt Alternativen, die sind aber komplizierter. Meine russischen Radfreunde werden eine Lösung finden.

Habe heute wieder meine nervösen Beine etwas bewegt und die schönen Radwege rund um Helsinki genossen. Die Namen sind unaussprechlich- es sieht aus, als hätten sie die Buchstaben wahllos aneinander gefügt. Aber ich will mich nicht beschweren. Ich kann sie zumindest noch lesen. Nach der russischen Grenze ist auch das vorbei.

Zum ersten Mal war heute so was ähnliches wie die Sonne zu sehen.

3.8. 2023 Das Warten hat ein Ende. Nachdem es mit dem Versenden der Kreditkarten wieder nicht geklappt hat, greift Plan B. Nathalie lässt alle ihre Beziehungen spielen, dass ich in St.Petersburg eine russische Kreditkarte bekomme.

So kann ich endlich loslegen- schließlich liegt ein langer Weg vor mir. Ich habe die Strecke vom Hotel in Helsinki/Vantaa zum Eurovelo 10 /R1 mit Komoot getrackt. Ich komme gut aus der Stadt heraus und genieße die guten Radwege und die zuvorkommenden Autofahrer. Man fährt grundsätzlich auf Zebrastreifen über die Fahrbahn. Und wenn man nur in der Nähe eines Zebrastreifens kommt, halten die Autofahrer schon an.

Aber Komoot ist immer für Überraschungen gut. Auch heute schickt es mich kurz vor dem Eurovelo noch auf Feldwege und Singletracks. Der Eurovelo ist aber dann Genuss pur. Sehr gut ausgeschildert und weg vom Verkehr auf schönen, stillen Wegen meist durch kleine Wälder und Ansiedlungen. Und immer wieder an Seitenarmen der Ostsee vorbei. Das Wetter ist mit 18 Grad ideal zum Radfahren, der leichte Gegenwind stört kaum. Die einzige größere Stadt ist Porvoo. Nachdem es leicht anfängt zu regnen und wahrscheinlich keine Übernachtungsmöglichkeit mehr kommt, suche und finde ich ein kleines Hotel etwas außerhalb. Ich habe zwar heute nur knapp 70 Kilometer geschafft, doch fürs erste ist das okay.

Komoot ist immer für Überraschungen gut…
Sogar einen richtig dicken Baum haben sie mir in den Weg gelegt..
Immer wieder an Seitenarmen des finnischen Meerbusens vorbei.
… und natürlich auch an typischen skandinavischen Holzhäusern

4.8. 2023 Porvoo-Kotka, 90 km

Nach einem guten Frühstück verschiebe ich die Abfahrt um eine halbe Stunde, um nicht gleich nass zu werden. Danach bessert sich das Wetter schnell und es wird den ganzen Tag schön bleiben. Zu Beginn läuft es richtig zäh, denn die Stadt Porvoo ist relativ groß und hat vor allem viele Ampeln. Und alle stehen heute morgen auf Rot. Die Strecke führt wieder durch schöne Landschaft. Die Radwege sind weiter gut ausgeschildert. Es sind heute viele Steigungen zu überwinden, sodass ich heute auf 700 hm komme. Auch heute führt der Weg immer wieder ans Meer, wo dann auch deutlich mehr Menschen anzutreffen sind.

Schon kurz vor fünf Uhr finde ich am Wegesrand eine kleine Pension, wo ich für wenig Geld unterkomme. Der einzige Wermutstropfen ist, dass ich hier morgen früh kein Frühstück bekommen werde. Am Samstag macht hier niemand vor 11 Uhr auf. Dann wird es eben morgen statt dem Frühstück ein Mittagessen geben…

Kleine Pause an einem Segelhafen
Auch heute gibt es ein Feierabend-Bier. Etwas billiger als gestern. Trotzdem könnte ich da zuhause zwei zu dem Preis trinken…

5.8. 2023 Kotka-Hamina, 62 km

Heute habe ich mein Tagespensum weit verfehlt. Wie kam es dazu: Erstmal verlor ich ziemlich Zeit, um einem Bankautomat und eine Frühstücksmöglichkeit zu finden. Das mit dem Geld klappte, mit dem Frühstück nicht. Eigentlich hätte ich 30 km sparen können, wenn ich nicht den Bogen auf die Insel Kotka gemacht hätte. Aber sie versprach einige Sehenswürdigkeiten und schöne Radwege. Und so war es auch. Leider verpasste ich eine Abzweigung und hatte danach Mühe, wieder den richtigen Weg zu finden. Der Weg wurde zum Wanderweg und dann zum Singletrail und ich musste ihn mit vielen Wandern teilen. Immer wieder tauchte links oder rechts Wasser auf und ich dachte, jetzt kann es nicht mehr weitergehen. Aber immer wieder tat sich ein schmaler Pfad auf. Auf dem Hauptplatz der Insel genehmigte ich mir einen Kaffee und ein Sandwich, bevor es auf ähnlichen Pfaden wieder zurück ging.

Jetzt hieß es noch einige Kilometer in Richtung russischer Grenze zu machen. In der kleinen Stadt Hamina fand ich dann ein ansprechendes Hotel fast am Radweg. Nachdem die letzte Unterkunft eher einem stickigen Lager glich, gönnte ich mir heute ein Spahotel. Aber es war auch das einzige freie Hotel weit und breit. Und es gibt morgen ein Frühstück. Wasser und ein paar Riegel habe ich mir auch schon gekauft, sodass ich morgen gleich loslegen kann und vielleicht die heute nicht gefahrenen Kilometer wieder aufholen kann. Auf jeden Fall werde ich morgen die russische Grenze erreichen und dann in Russland noch ein Stück weiter kommen. Vorausgesetzt, beim Grenzübertritt funktioniert alles.

Blauhelm-Einsatz in Finnland
Zum ersten Mal sehe ich einen Wegweiser nach St.Petersburg. Aber die Kilometerzahl deutet noch auf einige Arbeit hin …
Auch heute fahre ich immer wieder an kleineren oder größeren Häfen vorbei

6.8.2023 Das Warten hat ein Ende- jetzt bin ich in Russland angekommen

Ziemlich früh bin ich heute gestartet. Wie geplant. Nathalie ruft mich vor der Abfahrt nochmals an. Sie hat eine Kontaktperson in Wyborg, die sich gerne mit mir treffen möchte. Es ist wieder ideales Radwetter: 20 Grad, bewölkt, leider ein bisschen Gegenwind. Ich schaffe die 50 km trotzdem in zweieinhalb Stunden. Es ist heute morgen so wenig Verkehr auf der Straße, dass ich fast den Eindruck habe, dass allen Autofahrern heute Nacht das Auto geklaut worden ist. Auch an der finnisch-russischen Grenze sind nur kurze Warteschlangen. Der erste Eindruck ist fatal. Die Grenzbeamtin knurrt mich auf russisch an, dass ich denke, sie wird mich als Nächstes gleich verspeisen. Als ich ihr klar machen kann, dass ich kein Auto dabei habe, sondern nur ein Fahrrad, wird sie einsichtig und schaut mich etwas ungläubig an. Der Rest ist nur noch Formsache.

Vor dem Abschnitt von der Grenze bis Wyborg hatte ich ordentlich Respekt. Die 50 km sind komplett auf einem schmalen Randstreifen auf einer Schnellstraße zu fahren. Aber glücklicherweise ist heute Sonntag, sodass praktisch keine Trucks und nur wenige Autos unterwegs waren.

Der finnisch-russische Grenzübergang

Unterwegs bei einer kleinen Pause probierte ich den mobilen Hotspot, den ich für Russland dabei habe, um keine Simkarten kaufen zu müssen. Dabei sah ich, dass Nathalie wieder Kontakt mit Sergey, dem Radfreund in Wyborg hatte und dieser signalisierte, dass wegen eines Filmfestivals kein einziges Hotel mehr in Wyborg zu bekommen ist. Er schlug vor, dass ich in seinem Büro übernachten könne. Davor lud er mich noch zu einem ersten, guten Essen in Russland ein.

Sergey spricht nur ein paar Worte Englisch. Darum holte er noch seinen Freund Dimitri als Dolmetscher hinzu. Es stellte sich heraus, dass Sergey einer der erfolgreichsten russischen Radtrainer ist. So hat er von Jugend auf z.B. Alexander Vlasov, ein Teamkollege von Emanuel Buchmann, trainiert. Alexander Vlasov hat vor 2 oder 3 Jahren den Giro de Italia gewonnen. Ein Maglia Rosa hängt im Büro von Sergey.

Alexander Vlasov ist schon zusammen mit Emanuel Buchmann den Giro gefahren.

Ich bin überwältigend herzlich hier in Russland aufgenommen worden. Dimitri erzählte mir, dass zwar viele finnische Radfahrer über die Grenze rüberkommen, einen deutschen Radfahrer hat er aber schon ewig lange nicht mehr gesehen.. Aber beide haben sich sichtlich darüber gefreut, mich zu treffen.

Russisch-deutsche Freundschaft links Dinitri, rechts Sergey

Wyborg ist eine faszinierende Stadt mit viel historischem Hintergrund. Die imposante Burg steht auf einer Insel und wurde im 15.Jahrhundert gebaut. Seitdem haben die Hausherren oft gewechselt zwischen Schweden, Finnen und Russen.

Das Wahrzeichen von Wyborg-Die Burg
Abendstimmung in Wyborg

7.8. 2023 An der heißen russischen Ostseeküste entlang Wyborg-Zelenogorsk 120 km, 670 hm

Der Schlaf auf dem Sofa im Büro von Sergey war gar nicht so schlecht. Er begleitet mich noch aus Wyborg heraus und verabschiedet sich dann herzlich. Bei ihm ruft die Arbeit, bei mir das Vergnügen, entlang der Küste in Richtung St.Petersburg zu radeln. Das Vergnügen bekommt aber bald einen herben Beigeschmack. Es ist mit 35 Grad ungewohnt heiß heute. Noch habe ich Rückenwind und viel Schatten, da es viel durch den Wald geht. In immer kürzeren Abständen muss ich Trinkpausen machen. Und es gibt immer weniger Ansiedlungen, wo ich Wasser nachfüllen kann. Der Schatten wird weniger, dafür der Gegenwind immer mehr. Übernachtungsmöglichkeiten gäbe es nur am manchmal nahen Strand. Erst in Zelenogorsk gibt es Hotels. Ich bin inzwischen auf den 120 km durch Sonne und Wind weichgegrillt. Es ist in dem Ort wieder viel los. Da die Russen praktisch außer Landes keinen Urlaub machen können, verbringen sie diesen im eigenen Land. So ist auch hier trotz vielen Versuchen kein Zimmer zu bekommen. Ich richte mich schon auf einem Schlafplatz am Strand ein, als Nathalie mir doch noch eine Möglichkeit in einem Hotel eröffnet. Dort kann ich dann pünktlich nachts um 12 Uhr einchecken. Wichtig ist für mich, die elektronischen Geräte nochmals „auftanken „ zu können. Und außerdem wäre ich ganz schön nass geworden. Es hat ziemlich stark geregnet heute Nacht.

Leider habe ich meine Badehose vergessen
Zum ersten Mal komme ich an einem Soldatenfriedhof vorbei

8.8. 2023 Nach St.Petersburg 43 km

Für heute habe ich schon wieder Termine. Um 12 Uhr möchte ich mich mit Elena und Alexander treffen. Sie sind für die nächsten Tage meine Gastgeber. Wir verabreden uns an einem Hotel in Andrejewskaia. Und um die gleiche Zeit soll dort ein Reporterteam von einer Petersburger Zeitung erscheinen, um Bilder und eine Reportage von dem deutschen Radfahrer zu machen. Es klappt natürlich erstmal nicht mit dem Treffpunkt. Aber im Zeitalter der neuen Medien ist alles möglich. Und so treffen wir uns ziemlich genau eine Stunde später am Ortsschild von Sankt Petersburg. Was natürlich genau zu der Reportage passt. Das Interview übersetzt Elena, sie spricht ganz gut deutsch.

Und genau am Ortsschild von St.Petersburg hat es doch noch geklappt.

Danach machten wir noch einen Abstecher zu der mächtigen Isaaks-Kathedrale in Kronstadt. Zuhause gab es das erste typisch russische Essen. Es schmeckte lecker. Und nicht minder war der Wodka und das dunkle Bier.

Beide kochen sehr gut und gerne. Sie werden mich verwöhnen….

Jetzt bin ich am Ziel meines ersten Reiseabschnitts. Daher findet ihr ab Morgen die Beiträge unter St.Petersburg

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