St. Petersburg

Die Peter und Paul- Kathedrale -Grabstätte der russischen Zaren

9.8.2023 Ein Besichtigungstag in Sankt Petersburg 0 Radkilometer, 21804 Schritte

Auch ein Tag ohne Fahrrad kann anstrengend sein. Und Elena kannte keine Gnade. Von einer Kathedrale zur nächsten, von der Sommerresidenz zur neuen Eremitage, vom Winterpalais zur Admiralität, von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten. Und während dem Mittagessen noch ein Interview mit einer russischen Zeitung. Und Elena war bis zum Schluss voll in ihrem Element. Während sie ihr umfangreiches Wissen über die Geschichte der Stadt mir näher brachte und auch körperlich keine Ermüdungserscheinungen zeigte, versagten bei mir immer mehr die Beine ihren Dienst. So war zwar der Kopf nach 8 Stunden voll von Informationen, meine Beine aber schwer wie Blei. Und morgen werden wir den zweiten Teil der Besichtigung unternehmen. Aber der ist nach Aussage von Elena kürzer.

Mit dem Boot auf einem der vielen Kanäle

10.8.2023 Peterhof – das Versailles Russlands 15243 Schritte

Wasser,Blumen, Gärten, Schloss in voller symmetrischer Vollkommenheit

Nach einer einstündigen Fahrt von Elenas und Alexanders Haus stehen wir am Eingang zum Peterhof, der Residenz des Zaren. Auf uns wartet schon wieder ein Fersehteam eines Petersburger Senders. Sie begleiten uns für die nächste halbe Stunde. Dazwischen führen sie mit mir ein Interview. Elena übersetzt wieder. Inzwischen ist das die letzten Tage schon zur Routine geworden. Allmählich wird mir bewusst, warum die sich alle auf mich stürzen. Erstens ist es nicht alltäglich , mit dem Rad durch Russland zu fahren und schon gar nicht als Ausländer. Ich komme mir vor, als wäre ich der Einzige. Und nach den. Gesprächen, die er ich geführt habe, wollen sie mich alle bei meinem Unternehmen unterstützen.

Nach einem schönen, aber anstrengendem Tag auf dem Peterhof kocht Alexander noch ein tolles Abschiedsessen. Es gibt spanischen Rotwein dazu. Elena und ich planen die weitere Tour in Richtung Moskau mit den Übernachtungen. Sie werden mich morgen früh mit dem Auto zum Ausgangspunkt nach Chudova bringen. Ein eingeplanter Begleiter ist kurzfristig abgesprungen. Aber nach der Planung meiner russischen Freunde dürfte ich das auch im Alleingang schaffen.

Chefkoch Alexander hat zum Abschied noch ein leckeres Menü zubereitet

11.8.2023 Richtung Moskau. 96 km

Abschied von Elena
Und von Alexander

Heute gibt es ein frühes Frühstück, schon um 6.30 Uhr. Alexander will mich bei Chudovo auf den R1 Radweg nach Moskau bringen. Nach zweistündiger Fahrt heißt es auch von Alexander Abschied zu nehmen. Es heißt wieder kurbeln. Nach einer kurzen Einrollphase stehen gleich 35 km Schotterpiste mit Waschbrett an. Dafür kein Verkehr und schöne Landschaft, oft bin ich allein im Wald. Erst nach diesem Abschnitt folgen kleinere Dörfer. Die Straße ist in sehr gutem Zustand und es geht nur leicht bergauf und bergab. So bin ich schon kurz vor 16 Uhr am Stadtrand von Velikiy Novgorod

Die größte Stadt zwischen Sankt Petersburg und Moskau

Nach einer weiteren halben Stunde bin ich am Hotel im Zentrum der Stadt angekommen.

12.8.2023 Veliky Novgorod – Starya Russa 120 km

Heute habe ich schon einen Termin mit einem Fersehteam vor dem Frühstück. Das verzögert meine Abfahrt um fast eine Stunde. Das Fersehteam frägt mich, was ich schon alles in Novgorod gesehen habe. Ich muss eingestehen, dass ich noch nichts gesehen habe. Aber das hole ich nach dem Frühstück nach. Es lohnt sich, eine der ältesten Städte Russlands überhaupt zu besichtigen. Der Kreml mit der 1,5 km langen Kremlmauer, die Kirchen aus dem 11. und 12. Jahrhundert und ein Glockenspiel sind die Highlights.

Die Kremlmauer
Die Nicolai-Kathedrale wird gerade renoviert

So wird es heute spät, bis ich in die Tagesetappe einsteigen kann . Jetzt ist Gasgeben angesagt, habe ich heute doch 120 km vor den Reifen. Es ist bewölkt, die Temperatur fast optimal bei knapp über 20 Grad und keinem Wind. Heute ist die Etappe mit den langen Geraden. Nacheinander geht es über 25 km, 12 km und nochmals 25 km schnurgerade aus auf einer relativ stark befahrenen Schnellstraße mit und ohne Seitenstreifen. Es sind keine wirklichen Steigungen zu überwinden. So komme ich heute auf einen Schnitt von über 20 km/h. Auf den letzten 20 Kilometern fängst es erst an zu nieseln, später zu regnen. Erstmal werde ich auf der Tour ein wenig nass. Das vorbestellte Hotel finde ich schnell und bin zum ersten Mal an einer warmen Dusche froh.

13.8.2023 Starya Russia – Demyansk, 96 km

Es hat nachts wieder ziemlich geschüttet. Aber pünktlich zur Abfahrt hört es wieder auf. Die Frau im Hotel hatte Probleme mit meiner Registrierung. Normalerweise sollte man innerhalb 7 Tagen nach dem Grenzübertritt sich registrieren lassen. Und das hatte ich noch nicht gemacht. Ich wartete darauf, eine Registrierung in Papierform zu bekommen. Das ist aber scheinbar nicht mehr üblich. Das läuft über den Zentralcomputer des Innenministeriums. Nachdem das geklärt war und nach dem kümmerlichen Frühstück, geliefert auf das Zimmer, kam ich doch schon vor 10 Uhr weg. Es war praktisch kein Autoverkehr heute morgen auf der Schnellstraße. Ich war wieder mal alleine im Wald. Größtenteils jedenfalls. Nachdem ich im Hotel kein Wasser mitnehmen konnte und kein Laden am Wegesrand war, hoffte ich, im einzigen Ort auf der Strecke, nach 45 km, einen geöffneten Laden zu finden. Und es gab ihn tatsächlich. In Russland heißt das Magazin, gleichzusetzen mit unseren frühen Tante Emma-Läden

Hurra, ein Magazin

Die zweite Hälfte der Etappe war nur 2 km länger als die erste, also 47 km. Die Straße blieb gut, der Verkehr wurde auch nicht stärker. Jetzt kam ich in das Gebiet von Demyansk. Vielleicht ist einigen noch aus der Geschichte des 2. Weltkrieges der „Kessel von Demyansk bekannt.

Nicht wenige Geschichtsschreiber sehen im Kessel von Demyansh letztendlich die Ursache für die Wende im Deutsch-Sowjetischen Krieg. Der sowjetischen Armee gelang es beim Vorrücken im Feb.42 im Raum Demyansk auf einer Gesamtfläche von 100 Quadratkilometern sechs deutsche Divisionen mit fast 100 000 Soldaten zu umschließen. Die im Kessel von Demyansk eingeschlossenen Truppen wurden durch die Luft versorgt. Täglich wurden etwa 275 Tonnen Fracht eingeflogen und insgesamt ca, 22 000 Verwundete ausgeflogen. So nüchtern die Zahlen klingen, sollen nicht die Entbehrungen, das Leid und der Tod der Soldaten beider Seiten und besonders der russischen Zivilbevölkerung, man spricht hier von 20 000 bis 100. 000, vergessen werden. Viele der deutschen Soldaten sind hier auf dem Friedhof Korpovo bestattet.

Schon nach 4.30 Stunden Fahrt war ich am Service-Point des Radweges R 1 in Demyansk. Sergej betreibt den Radler-Stützpunkt in Demyansk. Allerdings bin ich hier der erste Radfahrer seit langer Zeit. Sergej bereitet mir auch ein Abendessen.Und er organisiert ein Bier dazu. Obwohl keiner die Sprache des anderen beherrscht, verstehen wir uns prima.

Einige alte und neue Holzhäuser am Wegesrand

14.8.2023 Auf der Waldai-Höhe, Auto-Transfer 65 km, Fahrrad 56 km

Der Planer des Radweges R 1, Detlef Kaden, warnt vor dem ersten Teil der heutigen Etappe und empfiehlt, den Transport-Service des Stützpunktes in Anspruch zu nehmen. Nach dem vielen Regen der vergangenen Tage ist das dringend zu empfehlen. Sergej vom Stützpunkt hat aber kein entsprechend großes Auto, um das Rad zu transportieren. Aber er organisiert ein entsprechendes Auto mit Fahrer. Nachdem er mir ein ordentliches Frühstück gemacht hat, warten wir auf das Auto. Und kurz nach 10 ist Sergej, der Freund von Sergej, mit seinem Lieferwagen da. Groß genug, um 10 Bikes zu transportieren. Nach einem herzlichen Abschied von Sergej 1 geht es auf die „Rumpelfahrt“ die fast genau so viel Schmerzen bereitet wie eine Radfahrt. Für die 65 km benötigen wir fast 2 Stunden.

Hier meine Gedanken während dieser Fahrt: Sergej hat sich bereit erklärt für diese Fahrt. Ja, er bekommt ein wenig Geld dafür. Er wird hin und zurück fast 4 Stunden Zeit brauchen. Und sein Fahrzeug und er werden während der Fahrt richtig malträtiert. Während der Fahrt kommen wir mindestens an 5 „Mass War Grave“ 1941-1945 vorbei. Den kyrillischen Text kann ich nicht lesen. Daher sind die Hinweise in beiden Schriftarten angegeben. Fünf Kriegs-Massengräber. Ob da auch Verwandte oder Familienmitglieder von Sergej dabei sind? Was denkt er wohl gerade bei der Vorbeifahrt? Ich bekomme ein beklemmendes und zugleich positives Gefühl. Unsere Väter haben sich hier bekämpft. Und heute, ca. 80 Jahre später sitze ich als Deutscher in einem Auto eines russischen Freundes, der mich begleitet. Genau von solchen Momenten habe ich geträumt, als ich diese Radtour geplant habe. Nie wieder dürfen wir zulassen, dass der Haß zwischen unseren Völkern geschürt wird. Es ist unfassbar, wie russische Sportler oder Künstler diffamiert werden. Wo ist vor allem unsere Jugend, die dagegen protestiert? Auch unsere vorherige Generation hat später gesagt, dass sie von nichts gewusst haben. Das darf nicht noch einmal passieren.

Abschied von Sergej 1 in Demjansk
Abschied von Sergej 2 in Svapushhe

Übrigens bin ich jetzt auf den Waldai-Höhen, ziemlich genau da, wo die Wolga entspringt.

Eines der vielen Massengräber

Die restlichen gut 50 Kilometer nach Ostaschkov sind entspannend zu fahren. Gute Straße, zuerst wenig Verkehr, später mehr, dafür breiter Seitenstreifen

In Ostashkov hat mir Elena eine private Adresse aufgeschrieben. Ich fand aber ein ansprechendes Hotel im Zentrum. Ich habe dann noch Nicolai, das war die Privatadresse, besucht, und war froh, im Hotel zu wohnen. Sein Haus ist mehr als 200 Jahre alt und so sieht es auch aus. Der Garten ist ein Exempel dafür, wie es aussieht, wenn man jahrelang nichts zurück schneidet. So muss der Garten Eden ausgesehen haben. Nicolai ist emeritierter Mathematik- Physik-Professor. Sein Freund ist Schriftsteller. Zusammen laden sie mich noch zu einem Abendspaziergang zum Ende der Halbinsel im Seligersee ein . Morgen will er mich ein Stück mit seinem VW-Bus mitnehmen. Falls das Rad noch Platz hat im unaufgeräumten Kofferraum des Autos. Man wird sehen….

Der Garten von Nicolai mit vielen Kunstwerken.

Sonnenuntergang am Seligersee

15.8.2023 Ostashkov-Moskau mit dem VW-Transporter

Nicolai will mich ja heute ein gutes Stück mitnehmen.Geplant ist bis nach Torshok. Er plant, kurz nach 13 Uhr abzufahren. Er nimmt 4 Leute mit in Ostaschkov und mich. Beim Fahrrad müssen wir die Räder ausbauen, damit es reinpasst. Aber es gelingt Nicolai, alles sauber unterzubringen. Es ist kurz vor 17 Uhr, als wir in Torshok sind. Nicolai fragt mich, ob ich wirklich nicht bis Moskau mitfahren möchte. Den dort fährt er hin. Nach kurzer Überlegung und nach Rücksprache mit Elena, ob sie das gebuchte Zimmer in Torshok stornieren kann, entscheide ich mich, das Angebot von Nicolai anzunehmen und gleich mit nach Moskau zu fahren.

Der ursprüngliche Plan war, nach Torshok noch zwei Tagesetappen zu fahren und dann mit dem Zug von Volokolamsk nach Moskau zu fahren. Denn auf dieser Strecke verkehren viele Kieslastwagen. Es ist das Hauptkiesabbaugebiet für den Straßenbau rund um Moskau. Die zweite Variante wäre gewesen, von Torshok über Twer mit dem Zug nach Moskau.

Daher war es keine wirklich schwierige Entscheidung, gleich im Auto sitzen zu bleiben und direkt nach Moskau gefahren zu werden. Und Elena hat mir gleichzeitig ein nettes kleines Hotel in Moskau besorgt. Und das für Moskauer Verhältnisse zum günstigen Preis.

Die nächsten Tage werde ich wieder viel Termine mit Fernsehteams und Zeitungsschreiber zu tun haben.

Meine Berichte könnt ihr ab morgen auf der Seite Moskau-Goldener Ring lesen. Es bleibt spannend!

Ostaschkov am Seliger See
Sauber verstaut- mein Rad mit Gepäck
Die ersten Wolkenkratzer von Moskau

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