Kazan

24.8.2023 Murom- Nischni Novgorod mit dem Bus.

Es regnet morgens wieder und es ist kein Zuckerlecken, heute mit dem Rad zu fahren. Ich möchte mich auch nicht mehr den Trucks und dem anderen Verkehr auf der weiterhin schulterlosen Schnellstraße stellen. Leider gibt es keine Möglichkeit, mit dem Schiff auf der Oka oder dem Zug nach Nischn Novgorod zu kommen. So bleibt nur der Bus. Um 11 Uhr fährt ein größerer Bus, der auch Räder mitnehmen kann. Am Ticketschalter unterstützt mich Natalie sprachlich telefonisch. Und die Frau am Ticketschalter ist sehr hilfsbereit. Obwohl der Busfahrer zuerst störrisch ist, nimmt er mich und mein Rad dank dem Einsatz der Frau dann doch mit. Dreieinhalb Stunden und 170 km später steige ich in Novgorod aus dem Zug aus, wo mich Ivan Bessarab schon mit dem Fahrrad erwartet. Das hat Nathalie im Vorfeld organisiert. Ivan ist Linguist und Ethiker. Außer Russisch spricht er Englisch und Deutsch. Er zeigt mir viele Sehenswürdigkeiten der Stadt , die am Zusammenfluss von Oka und Wolga liegt. Um komfortabler vorwärts zu kommen, stellen wir in einer Wohnung seines Sohnes mein Gepäck ab. Er bringt mich in die Wohnung einer Schulfreundin, wo wir dann nach einem Abendessen übernachten. Allerdings ohne mein Gepäck. Das werde ich erst morgen wieder bekommen.

,Professor’ Ivan empfängt mich am Busbahnhof
Die Alexander Nevski Kathedrale ist eine der vielen Sehenswürdigkeiten

Oder auch die Maria Geburtstag- Kirche mit ihren prächtigen Türmen.

Sonnenuntergang über der Wolga

25.8.2023 Vorbereitungen für den letzten Teil der Radreise

Nach dem Frühstück bei Ina und Nicolai, den Bekannten von Ivan, mache ich mich gleich auf den Weg zum geplanten Treffpunkt bei Igor Babin. Er hat eine Fahrradreparatur-Werkstatt und kennt die Strecke, die mich die letzten vier Tage erwartet. Dort treffe ich auch wieder Ivan, der mir mit dem Taxi mein Gepäck bringt. Igor ist das Sinnbild ein Radmechanikers. Als Teekannen-Untersetzer benützt er eine Bremsscheibe. Er zeigt mir stolz sein Specialized Fahrrad. Nach gut anderthalb Stunden und einigen Tassen Tee hat er mir auch seine Strecke erklärt, wie er sie fahren würde. Es soll auf jeden Fall nicht mehr auf stark befahrenen Schnellstraßen weitergehen. Wir werden sehen.

Ivan muss heute Nachmittag wieder arbeiten und ich habe wieder ein Ferseh-Interview mit dem örtlichen Sender vereinbart. Dieser findet am Eingang des Azimut-Hotel statt, mit prächtigem Blick auf die Stadt und die Flüsse. Später zeigt er mir noch die stark frequentierte Fußgängerzone. In einer Seitenstraße führt er mich in eine katholische Kirche, die aus einem ehemaligen Pferdestall gebaut wurde. Eine freundliche Nonne der Franziskanerinnen zeigt uns die Kirche.

Auch eine katholische Kirche gibt es

Ivan bringt mich in seine Wohnung, wo ich die heutige Nacht verbringen werde, bevor es morgen weitergeht.

Blick vom azimut-Hotel auf die andere Seite von Novgorod mit Nemski-Kathedrale und Fußballstadion, wo bei der WM 2018 gespielt wurde.

25.8. 2023 Wieder auf dem Rad 118 km, 269 hm

Sorry, habe wenig Zeit. Das wichtigste in Kurzform: Ivan bringt mich zur Seilbahn- schwebe mit der Seilbahn über die Wolga- herzliche Verabschiedung von Ivan- zuerst viel Verkehr- dann immer weniger- verpasse eine Abzweigung- zweimal heftiger Regen- verpasse die Fähre nach Lyskovo um Nasenlänge- 2 Stunden warten- Fähre bringt mich nach 40 Minuten Fahrt über die Wolga- Hotel gleich neben Anlegestelle – es ist schon dunkel

Schwebend über die Wolga
Abschied von Ivan- nicht von dem Schrecklichen, sondern von dem freundlichen
Begegnung mit einem anderen Ivan- einem russischen Reiseradler
Kloster in Makarewja, einige Umrundungen während der Wartezeit auf die Fähre

26.8.2023 Lyskovo – Surskie Zori, 89 km, 560 hm

Es gibt schon vor dem Frühstück wieder viel zu organisieren. Wer trifft wen wo, ist die Frage. Ich fahre bei bedecktem Himmel los und habe die Regenkleidung schon bereit. Komoot mach mal wieder einen Scherz mit mir und schickt mich ins Gebüsch. Schon wieder werde ich dreckig. Dafür bleibt es aber von oben her trocken. Schon bald finde ich mich auf der Schnellstraße wieder. Praktisch anfangs ohne Seitenstreifen reihe ich mich in den Verkehr ein. Schon bald ist der Adrenalin-Spiegel höher als der Puls. Einige Male drücken mich die Trucks in den Kiesstreifen neben der Fahrbahn. Nach 50 km treffe ich wie geplant Alexej in Torotynetz. Er reicht mir Tee und ich habe eine kleine Erholungspause. Nach einer knappen halben Stunde reihe ich mich wieder im Verkehr ein. Plötzlich wird aus der Schnellstraße eine richtige Autobahn und ich habe einen zwei Meter breiten, gut geteerten Seitenstreifen und kann mit Rückenwind jetzt Tempo machen.

Alexej reicht mir bei einer kleinen Pause Tee.

Überraschend schnell bin ich am Tagesziel in Surskie Zori, einem kleinen Feriendorf mit Blockhäusern für die Gäste. Eine halbe Stunde nach mir trifft Anatoli mit Familie ein.

Nach dem Essen lädt er mich (im Auftrag von Nathalie?) zu einer russischen Banja ein. Das hat nur wenig mit einer deutschen Sauna zu tun. Banja wird zelebriert und ist Kult in Russland.

Sehen aus wie 2 Hirtenjungen, denen sie die Kleider geraubt haben….
Das Ferien-Resort Surskie Zorie

28.8. 2023 Sarskie Zorie-Cheboksary, 88 km, 560 hm

Ich habe gut geschlafen nach der Banja. Nach dem Frühstück geht es gleich wieder los auf die Schnellstraße. Ich habe mich mit den Leuten vom Radclub Cheboksari um 13 Uhr verabredet. Es wird knapp, aber obwohl ich mich einmal verfahre, bin ich zwei Minuten vor 13 Uhr am Treffpunkt. Es gibt eine erste Begrüßung mit warmem Tee. Und Loba überreicht mir einen selbst gepflückten Margariten-Blumenstrauß.Es ist der bisher kälteste Tag, seit ich in Russland bin. Immer mehr Radfahrer kommen von allen Seiten hinzu. In einer Kolonne geht es zum Hauptplatz von Cheboksary. Dort wartet auch schon das Fersehteam, mit dem ich wieder einmal ein Interview führe. Viele Leute sind auf dem Platz und wollen ein Selfie mit dem Radfahrer aus Deutschland.

Mein Empfangskomitee mit Chuvash Fahne der Region

Nach einem Imbiss geht es mit dem Bus zur Unterkunft von Wjaschelav. Wir planen noch die Route für morgen nach Kazan.

Ein solcher Empfang ist mir in meinem Radlerleben noch nie bereitet worden. Einfach unvergesslich!

29.8.2023 Ankunft in Kasan -Hauptstadt der Republik Tatarstan

Schon früh geht los. Mein Gastgeber Wjateschlav und ich nehmen schon um 6 Uhr morgens ein hastiges Frühstück zu uns. Wir haben eine Dreiviertelstunde Busfahrt vor uns, um wieder nach Cheboksary zu kommen. Danach geht es abwechslungsweise im Eilschritt oder Dauerlauf zur Anlegestelle des Schiffes nach Kazan. Kurz vor 8 Uhr sind wir auch dort. Leider nehmen sie mich nicht mit, da das Schiff bis auf den letzten Platz ausgebucht ist. W. versucht alles, dass sie ein Auge zudrücken. Leider ohne Erfolg. So müssen wir schweren Herzens eine Alternative suchen. Im Eiltempo geht es jetzt zum zentralen Busbahnhof, wo wir Gottseidank noch für den Nachmittag einen Busplatz für den Nachmittag bekommen. Ich habe ja meine Ankunft in Kazan für den Nachmittag geplant. Daher wäre eine Fahrt mit dem Rad ins 120 km entfernte Kazan nicht in Frage gekommen. Wenigstens die Busfahrt funktioniert mit Hilfe von Wjatscheslav und Nicolai. In Kazan nimmt mich auch gleich Ildus in Empfang. Wir kennen uns über Martin Krick schon seit 4 Jahren. Allerdings nicht persönlich. Das ändert sich in dieser Sekunde. Es ist, als ob wir uns schon lange kennen. Er holt mich natürlich mit dem Fahrrad ab und wir machen einen kleinen Umweg über das Zentrum Kazans, meistens dem Wasser entlang auf schönen Radwegen. In seinem schönen Haus in toller Lage am See lerne ich Ildus Frau Gulnara und seine hübsche Tochter kennen. Nach einem stilvollen Dinner sinke ich nach einem anstrengenden Tag, zwar ohne viel Kilometer, aber trotzdem müde ins Bett im Homestay von Ildus. Diese kleine Hütte hat er für solche Radfahrer wie mich extra gebaut. Er ist natürlich auch bei Warmshowers aktiv.

Angekommen bei Ildus in Kazan
Kazan, die Hauptstadt Tartastans

30.8.2023 Festival in Kazan

Am 30. und 31.August feiert Kazan sein Stadtfest. Es sind 2 Feiertage, niemand arbeitet, alle sind auf den vielen Plätzen in der Innenstadt und feiern. Ildus, seine Tochter und zwei Freundinnen und ich fahren mit dem Rad zum Fest. Es ist in Russland üblich, auf den breiten Gehwegen auch Rad zu fahren. Andererseits gibt es auch schöne Radwege. Wir schauen uns einige Events an . Überall ist feiern und gute Laune angesagt unter dem Motto Singen, Spielen, Tanzen, Musizieren

Am Nachmittag geht es zurück zum Haus von Ildus. Wir sind so ganz nebenbei 34 km mit dem Rad gefahren. Ildus bereitet Paella vor und in seiner Gartenhütte gibt es Festtagsessen und Bier, Wein und andere Getränke. Weitere Leute kommen dazu. Auch Svetlana, eine Dolmetscherin, die morgen beim Interview übersetzen wird.

Ildus bereitet aus seiner umfangreichen Radkollektion die Räder für die Tour vor
Bikewäsche mit Rosa-Shampoo- schließlich können wir nicht mit dreckigen Rädern zum Fest fahren.
Moschee im Kreml

31.8.2023 Der russische Monat geht zu Ende

Der letzte Tag des Monats und meines Aufenthaltes in Russland geht zu Ende. Ildus und ich sind heute beschäftigt mit der Buchung des Rückfluges und der Vorbereitung des Abschlussabends beim Rotary-Club. Dazwischen lädt er mich noch zu einem Lunch ein im 25.Stock eines Restaurant. Noch einmal genieße ich den Blick über die Millionenstadt mit der Wolga und den 3 Seen und dem Kreml.

Abends gibt es nochmals ein kurzes Interview mit dem örtlichen Fernsehen und einen sehr schönen Abend mit den Rotarieren. Ein würdiger Abschluss einer denkwürdigen Radreise.

Morgen heißt es dann, das Rad und die Utensilien zu verpacken, bevor mich Ildus zum Flughafen bringen wird.

Eine Rückschau auf diese Reise werde ich machen, wenn ich wieder zuhause bin.

Bis ich aber alle Eindrücke verarbeitet habe, wird es Monate dauern.

Ein letzter Blick auf Kazan, der Hauptstadt von Tatarstan

6 Kommentare zu „Kazan

  1. Habe jetzt erstmals auf Nachdenk-Seiten von Ihren Touren erfahren. Höchst interessant. Und Respekt und Danke für die Eindrücke aus dem heutigen Russland. Zum Glück gibt es Menschen wie Sie, die uns über den Tellerrand blicken lassen.

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  2. Hallo, guten Tag Alfred. Ich bin leider erst jetzt, über die „Nachdenkseiten“, auf Sie aufmerksam geworden. Ich war in diesem Jahr, Juli/August, in Yoshkar-Ola, Republick Mari El. Es ist nur ein Katzensprung von Kazan entfernt. Schade, dass wir uns nicht begegnet sind. Ich bin oft und gerne in Russland. Das nächste Mal wieder im Oktober und dann über die Feiertage in’s neue Jahr hinein.
    Ich bin begeistert von Ihrer Tour und freue mich, dass es doch viele Deutsche gibt, die keine Anhänger der von der Politik gemachten Russophobie sind.
    Herzliche Grüße ….

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    1. Hallo Uwe,
      wirklich schade, dass wir uns verpasst haben. Aber vielleicht klappt es ja ein anderes Mal. Ich schlage vor, dass wir in Kontakt bleiben, um uns vielleicht doch ein Mal in Russland zu treffen. Würde mich freuen.
      Herzliche Grüße
      Alfred

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  3. „Mensch “ Alfred, habe heute Eliane und Roland Heine getroffen und von deiner Aktion erfahren. RESPEKT! Habe deine Berichte mit großem Interesse gelesen und bin einfach geplättet was Du alles anstellst. Also, ich wünsche Dir weiterhin eine erlebnisreiche Reise mit vielen unvergesslichen Eindrücken. Komm vor allen Dingen gut zu Hause an.
    Mit den liebsten Grüßen
    Hans

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